Kontakt

  |  

Gästebuch

  |  

FAQ

  |  

Disclaimer

  |  

Impressum

  |  

Sie sind hier:  >> Themen  >> Mitarbeiterführung  >> Das Märchen von den qualifizierten Mitarbeitern 


Das Märchen von den qualifizierten Mitarbeitern

Wann immer Festredner den Investitionsstandort Russland preisen, führen sie den Standortfaktor "hervorragend ausgebildeter" Mitarbeiter als ein Hauptargument ins Feld. Wer das wörtlich nimmt, sitzt einem möglicherweise verhängnisvollen Irrtum auf.

 

Solide durchwachsen

Natürlich möchte ich nicht pauschal missverstanden werden: Die fachliche Ausbildung russischer Ingenieure, Lehrer oder Ärzte ist nicht schlecht, aber eben auch nicht mehr. Betriebswirtschaftliche Studiengänge im westlichen Verständnis gibt es in Russland überhaupt erst seit Mitte der 1990er Jahre, und denen das Etikett "hervorragend" anzuheften, halte ich für fahrlässig. Und im Bereich der typischen Ausbildungsberufe - Schlosser, Maurer, Elektriker, Installateure usw. - bewegt sich Russland qualitativ auf Dritte-Welt-Niveau. Diese Erfahrung macht hier jeder, der einmal seine Wohnung hat renovieren lassen.

 

Jede Menge Talent

Die Rede ist hier auch ausdrücklich von Ausbildung, nicht von Talent oder Begabung. In diesem Bereich sehe ich keine Unterschiede zu westlichen Mitarbeitern. Geradezu sprichwörtlich ist etwa das russische Improvisationstalent. Und der offenbar hochbegabte Google-Gründer Sergey Brin stammt aus Moskau. Seine Ausbildung indes erhielt er in den USA.

 

Trend zur Verbesserung

Es sei andererseits nicht verschwiegen, dass sich die Dinge verbessern, etwa durch internationale Austauschprogramme. Auch hat die zunehmende Präsenz internationaler Firmen im Land viel zur Anhebung der Qualifikationslevel beigetragen. Insbesondere britische und amerikanische Großkonzerne mit ihrer ausgeprägten Trainingskultur dürften hier bleibende Spuren hinterlassen haben. Und inzwischen kann man auch an mancher russischen Universität oder Hochschule einen international anerkannten Abschluss als MBA (Master of Business Administration) erwerben.

 

Quantitativ stimmt's

Das Ausbildungsargument taugt nach meiner Erfahrung vielleicht in einer quantitativen Betrachtung. Tatsächlich ist es in Russland so, dass der Anteil junger Menschen, die nach der Schule ein Studium aufnehmen, deutlich höher ist, als in westlichen Ländern. Folglich haben wesentlich mehr Berufseinsteiger einen Hochschulabschluss, wenn auch die wenigsten von ihnen einen in der Fachrichtung, mit der sie dann ihr Geld verdienen. In jedem Fall werden Sie es in Russland immer mit Organisationen zu tun haben, die auch in den mittleren und unteren Positionen mit Akademikern besetzt sind. Das ist gut für die Unternehmenskultur, aber nicht immer problemlos in bezug auf Unter- oder Überforderung bzw. eine realistische Selbstwahrnehmung. Einige halten sich kraft ihres Examens stets zu Höherem berufen, obwohl es trotz Examens gerade für die Einstiegsposition reicht.

 

Profilkonflikt

So fanden sich auch in meinen Organisationen immer wieder die exotischsten Profile: Ozeanologen, Piloten und Ingenieure für Haushaltstechnik zum Beispiel. Einer meiner Buchhalter arbeitete früher gar in dem Programmiererteam, das die Software für den ersten und einzigen (unbemannten) Flug der sowjetischen Raumfähre "Buran" entwickelt hatte. Wen es interessiert: Die Abweichung vom vorausberechneten Aufsetzpunkt bei der automatischen Landung betrug ganze 15 Zentimeter! Und eine meiner Key-Account-Managerinnen heute ist promovierte Mathematikerin. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

 

Hauptsache Diplom

Mir ist aufgefallen, dass viele nur studieren, um einen Hochschulabschluss (высшее образование) vorweisen zu können. Teilweise wissen sie schon während des Studiums, dass sie nie in diesem Bereich arbeiten werden. Meiner Meinung nach ist das schlecht für die Studienmotivation, und doch ist es ungeheuer verbreitet. Mitunter spielt hierfür auch der Ehrgeiz der Eltern eine Rolle, die ihr Kind unbedingt an dieser einen Fakultät sehen wollen und ein Vermögen für Repetitoren oder werthaltige Gefälligkeiten an die Aufnahmeprüfungskommission ausgeben. Für männliche Jugendliche bedeutet die Aufnahme eines Studiums mit etwas Geschick die Zurückstellung (отсрочка от службы в армии) und mit etwas Glück die völlige Freistellung vom ungeliebten Wehrdienst - auch im modernen Russland ein hochaktuelles Thema. Und schließlich gilt eine gewöhnliche Berufsausbildung in Russland nicht als ausreichend prestige- und statusträchtig, so dass in der Regel (irgend) ein Hochschulstudium angestrebt wird.

 

Karriere auf Umwegen

Die Folgen zeigen sich dann beim Interview. Der Kandidat hat eines studiert und möchte etwas völlig anderes arbeiten. Die Eignung für die angestrebte Position kommt so nur selten oder nie aus der in Deutschland stets vorausgesetzten "einschlägigen Ausbildung", sondern aus eventuell vorhandener Berufserfahrung oder einer starken Motivation. Da ich selbst einst als Quereinsteiger begonnen habe, stand und stehe ich solchen Menschen grundsätzlich positiv gegenüber. Mit den meisten von ihnen habe ich gute Erfahrungen gemacht und der eine oder andere hat später in anderen Firmen groß Karriere gemacht.

 

Bewerten Sie diesen Beitrag

Bitte bewerten Sie diese Seite durch Klick auf die Symbole.

 

Diskutieren Sie über diesen Beitrag

Neues Thema erstellen

Richtige Bildung nur gegen Geld (2 Antwort(en) - Antwort schreiben)
Ich habe gelesen, dass das Bildungswesen in Russland zu den korr ... (neuling 19.05.2009 09:04)
Will nicht behaupten, dass die russischen Hochschulen alle nicht ... (expat777 05.08.2008 14:15)

 

 

Kontakt

  |  

Gästebuch

  |  

FAQ

  |  

Disclaimer

  |  

Impressum

  |