Nationalismus und Antisemitismus: Ja, und?
Um nicht in einen Geruch zu geraten oder in eine Ecke gestellt zu werden, gehört es bei uns zum guten Ton, sich nach außen allem zu enthalten, was irgendwie als Nationalismus, Rassismus oder Antisemitismus ausgelegbar sein könnte.
In Russland nimmt niemand solche Rücksichten. Eine Debatte wie jene über die rechte Wortwahl einer Frau Hermann etwa mit quotentreibender Aburteilung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist in Russland undenkbar. Und einen Herrn Friedmann dürfte man in Russland ungescholten arrogant nennen, ohne gleich als Holocaust-Leugner dazustehen.
Die Sowjetunion bezeichnete sich immer als Vielvölkerstaat, und Russland ist es tatsächlich heute noch. Das Zusammenleben von Slawen, Kaukasiern und Asiaten, von Christen, Juden, Moslems und Buddhisten innerhalb eines Staates war zwar nie problemlos und ist es bis heute nicht. Doch bei allem Konfliktpotenzial - es funktioniert seit fast hundert Jahren.
Dafür benötigen die Russen, die mit 80 Prozent die Bevölkerungsmehrheit im Land darstellen, nicht mal eine Leitkulturdiskussion. Zwar wird immer öfter zwischen Russe (русский; bezeichnet die nationale Zugehörigkeit) und Russländer (россиянин; bezeichnet die Staatsangehörigkeit) unterschieden, was in meiner Interpretation mit der Suche nach einer russischen nationalen Idee anstelle der sowjetischen zu tun hat. Der relative interkulturelle Frieden im Land ruht meiner Ansicht nach aber auf drei Dingen, die da heißen autoritärer Staat, Majoritätsbewußtsein der Russen und zunehmender Wohlstand.
Natürlich gibt es nationalistische Ausfälle, die oft noch von einer plumpen imperialen Außenpolitik (z.B. gegenüber Georgien oder Moldawien) flankiert werden. Doch haben Skinhead-Übergriffe gegen "Nicht-Slawen" oder lokale "Bürgerkriege" wie im karelischen Kandapoga nicht immer nur nationale, sondern oft banale soziale Ursachen. Die immer oberflächliche und selten anhaltende öffentliche Diskussion solcher Vorfälle bezieht - und das ist für Russland wesenstypisch - immer Position zugunsten der Beteiligten russischer Nationalität. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Aussage der Gouverneurin von Sankt Petersburg Matwijenko. Die forderte angesichts zunehmender fremdenfeindlicher Gewalt in der Stadt, die Wohnheime der ausländischen Studenten nach außerhalb Sankt Petersburgs zu verlegen. Die Opfer waren, wohlgemerkt, immer Ausländer.
Am Verhältnis der Russen zu ihren jüdischen Mitbürgern ist mir aufgefallen, dass sie sie von sich unterscheiden. Das beginnt bei Vornamen wie Leonid, Semjon oder Lew und Nachnamen wie Goldfarb, Katz oder Buntmann und geht bis zu Äußerlichkeiten wie Physiognomie oder Akzent, an denen der Russe einen Juden identifiziert. Im Geschäftsalltag habe ich mitunter Sprüche gehört wie "typisch Jude" oder "so sind nun mal die Juden". Die Juden sind in Russland nach meiner Beobachtung allerdings gut integriert. Auch zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehören ganz selbstverständlich Juden. Das einzig Besondere daran für mich ist, dass man überhaupt ein Bewusstsein dafür entwickelt hat. Große Teile der wirtschaftlichen und kulturellen Elite Russlands sind Juden. Antisemitismus in Russland zu negieren, wäre dennoch falsch. Er neigt immer dann zum Ausbruch, wenn Russen sich von Juden dominiert fühlen (Oligarchen, Medien) oder Feindbilder einer zusätzlichen emotionalen Komponente bedürfen (Beresowski). Er hat aber nichts zu tun mit Israel-Feindlichkeit. Im Gegenteil. Die Beziehungen zwischen Russland und Israel sind, wenn auch nicht sehr herzlich, so doch sehr eng. Ein Drittel aller Israelis ist russischer Abstammung.
Einen eigenen Status haben Menschen aus dem Kaukasus. Für die gibt es sogar eine umgangssprachliche Abkürzung - LKN, lizo kawkasskoj nazionalnosti, was soviel heißt wie Person kaukasischer Nationalität. Dieses sehr präsente Kürzel ist nicht nur falsch, da es keine kaukasische Nationalität gibt, sondern vor allem abwertend. Gemeint sind mit dieser Bezeichnung sowohl die Bewohner der kaukasischen Republiken innerhalb der Russischen Föderation wie Dagestan, Tschetschenien, Nord-Ossetien, Inguschetien und Karatschajewo-Tscherkessien, sondern auch die seit Sowjetzeiten auf russischem Boden ansässigen, nach dem Zerfall der Sowjetunion aber zu Ausländern gewordenen Aserbaidshaner, Armenier und Georgier. Insbesondere gegen letztere richtet sich eine zunehmend restriktive Migrationspolitik der Russischen Föderation, die allerdings selten einen rationalen Hintergrund hat, sondern in der Regel Teil der außenpolitischen Auseinandersetzung mit einem der Staaten ist.
Betroffen hiervon sind übrigens auch Moldawier und Bürger der zentralasiatischen Staaten.
Umgangssprachlich verwenden die Russen für alle diese Nationalitäten wegen deren dunkleren Typs das Wort "Schwarze", das in seiner Kategorisierung ebenfalls abwertend ist.
Nationalismus und Antisemitismus in Russland sind zwar nicht militant aggressiv, aber auch nicht Gegenstand irgendeiner gesellschaftlichen Debatte. Je nach politischer Konjunktur sind sie für die herrschende Administration funktionierende Instrumente zur emotionalen Steuerung der Massen.
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